< Verschlucken des provisorisch eingebrachten Zahnersatzes
03.08.2011

Über die Pflicht des Zahnarztes sowohl über ein seltenes aber mit dem Eingriff typischerweise verbundenes Risiko und, im Falle von Veneers, die erhöhten Anforderungen des Zahnarztes über die Aufklärung des Patienten bei überwiegend kosmetischen Eingriffen

Kategorie: Zahnarzthaftung

Am 30.05.2011 hatte sich das Oberlandesgericht Hamm zu dem Aktenzeichen I-3 U 205/10 mit den Veneers (Keramikverblendschaalen) ein 50 jährigen Patientin zu befassen.


Am 30.05.2011 hatte sich das Oberlandesgericht Hamm zu dem Aktenzeichen I-3 U 205/10 mit den Veneers (Keramikverblendschaalen) ein 50 jährigen Patientin zu befassen.

Die Patientin trug vor, vor Aufbringen der Veneers seien die Frontzähne behandlungsfehlerhaft zu weit abgeschliffen worden. Bei den dann aufgebrachten Keramikschalen handele es sich schon definitionsgemäß nicht mehr um Veneers, sondern bereits um Teilkronen. Zulässig sei nur ein Abtrag von 0,3 bis 0,5 mm der Zahnhartsubstanz. Über die Tiefe des Zahnschmelzes hinaus bis in das Zahnbein (Dentin) zu präparieren sei fehlerhaft. Dies sei für das Aufbringen von Veneers zu viel gewesen.

Im Übrigen habe die Zahnärztin  nicht ordnungsgemäß über die Risiken der Behandlung mit Veneers, aufgeklärt, und zwar insbesondere nicht über die Schädigung des Zahnmarks (Pulpa) sowie eine dauerhafte, teils hochgradige thermische Empfindlichkeit und Abszedierung. Ferner habe sie die Zahnärztin nicht über den Verlauf der Behandlung, insbesondere die Abschleifmaßnahmen sowie über Behandlungsalternativen aufgeklärt.

Folgen der mangels ordnungsgemäßer Aufklärung rechtswidrigen und zudem fehlerhaften Behandlung seien am 03.05.2009 und 23.06.2010 aufgetretene Abszesse sowie eine chronische Pulpitis. Hiermit verbunden seien Spannungs- und Kontaktschmerzen der vier behandelten Frontzähne, die Reaktion auf thermische Reize, Einschränkungen bei der Nahrungsaufnahme, ab dem 14.04.2008 besonders starke Schmerzen an Zahn 12 vom Kiefer bis in das Ohr, eine teilweise Entstellung sowie eine Verschiebung der Zähne 11 und 12 mit der Folge einer Lückenbildung zwischen diesen Zähnen. Es seien weitere Behandlungen erforderlich, wobei die Erhaltungsfähigkeit der Zähne zweifelhaft sei.

Die Zahnärztin bestritt sowohl einen Behandlungs- wie auch einen Aufklärungsfehler.

Zunächst auftretende Okklusionsprobleme seien der Behandlung immanent und ließen nicht auf einen Fehler schließen.

Die Aufklärung sei ordnungsgemäß erfolgt. Hierbei sei die Patientin  über die Alternative von Kunststofffüllungen aufgeklärt worden. Ferner habe die Zahnärztin anhand von Wax-Up-OP-Modellen über die Notwendigkeit von Einschleifmaßnahmen aufgeklärt sowie das damit verbundene Risiko einer übersensiblen Reaktion der betroffenen Zähne, Verletzungen umliegender Strukturen sowie einer späteren entzündlichen Reaktion.

Über die konkrete Präparationstiefe sei nicht aufzuklären gewesen.

Sachverständig beraten verneinte das Gericht das Vorliegen eines Behandlungsfehlers bejahte aber einen Aufklärungsfehler, so dass die Zahnärztin für sämtliche Folgen der zahnärztlichen Behandlung im Zusammenhang mit dem Einsetzen der Veneers haftete.

So habe die Zahnärztin nicht hinreichend über die Risiken, die mit einer solchen Behandlung verbunden sind, aufgeklärt hat. Insbesondere hab sie die Patientin nicht über das Risiko einer Pulpitis, d.h. einer Zahnmarkentzündung, in deren Folge auch eine Abszedierung auftreten kann, aufgeklärt. Über ein solches Risiko hätte sie allerdings nach den Kriterien, die der Bundesgerichtshof für die Risikoaufklärung entwickelt hat, aufklären müssen. Insoweit ist nämlich auch über seltene Risiken aufzuklären, wo sie, wenn sie sich verwirklichen, die Lebensführung schwer belasten und trotz ihrer Seltenheit für den Eingriff spezifisch, für den Laien überraschend sind (s z.B. BGH, VersR 2000, 725; s. auch Senat, 3 U 169/09, Urteil vom 29.09.2010, für den Fall der Aufklärung über das mit einer Leitungsanästhesie verbundene Risiko einer dauerhaften Schädigung des nervus lingualis; vgl. auch die zahlreichen Nachweise aus der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs sowie weiterer Obergerichte bei Steffen/Pauge, Arzthaftungsrecht, 11. Aufl., Rdnr. 381 ff).

Nach diesen Maßstäben entfalle eine Aufklärungsverpflichtung des behandelnden Arztes oder Zahnarztes also nicht deshalb, weil, wie der Sachverständige ausgeführt hat, eine Aufklärung deshalb in der zahnärztlichen Praxis nicht üblich ist, weil es sich um ein seltenes Risiko handelt. Der Sachverständige hat auf ausdrückliche Nachfrage des Senats erklärt, dass mit jeder Beschleifung von Zähnen das typische und spezifische Risiko einer Pulpitis verbunden sei. Wenn man, wie hier, im Grenzbereich zwischen Schmelz- und Dentin bleibe, dann sei das Risiko der Pulpitis eher selten. Es sei aber typisch und spezifisch für das Beschleifen. Somit handelte es sich bei diesem Risiko auch um keine absolute Rarität, so dass es für die Entscheidung der Patientin zur Durchführung der Behandlung ohne jede Bedeutung gewesen wäre. Dies gilt insbesondere deshalb, weil das Einsetzen der Veneers im Wesentlichen auch aus kosmetischen Gründen erfolgte; aus medizinischen Gründen bestand nur eine relative und keineswegs irgendwie eilbedürftige Indikation für die Behandlung. Schon und gerade wegen des erheblichen kosmetischen Charakters der Behandlung sind nach der einschlägigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs erhöhte Anforderungen an die Risikoaufklärung zu stellen.